Rossinis Alterssünden Versetzen In Schwärmerische Träumerei

Esslinger Zeitung 02.10.2019

Esslingen: Vocalensemble überzeugt in der Hohenkreuzkirche mit Rossinis Petite Messe Solennelle und meistert einige Herausforderungen

Gioacchino Rossini sah die Petite Messe Solennelle als eine seiner Alterssünden an. Nun hat sich das Esslinger Vocalensemble diesem außergewöhnlichen Werk gewidmet und eine bemerkenswerte Aufführung in der Hohenkreuzkirche präsentiert.

Was macht man, wenn einem eine Solistin für ein Chorkonzert krankheitsbedingt absagt? Richtig, man sucht nach einer anderen Solistin, die einspringen kann. Was aber tut man, wenn einem der Ersatz für den Ersatz am Morgen des Konzerts auch noch kurzfristig absagt? Wenn man Jens Paulus heißt, bewahrt man die Ruhe und findet dann noch auf die Schnelle eine beeindruckende Sängerin, die ohne Probe einspringen und den Part glanzvoll ausfüllen kann. In der bis auf die Empore voll besetzten Hohenkreuzkirche führte das Esslinger Vocal­ensemble unter der Leitung von Jens Paulus die Petite Messe Solennelle von Gioachino Rossini auf. Das Werk, das er als eine seiner Alterssünden ansah, gehört zweifelsohne zu einem der schönsten seiner Epoche.

Rossini hatte seine Petite Messe Solennelle mit kompositorischem Witz und spannender Ironie gefüllt, was bis heute den Reiz dieser Messe ausmacht. Er hatte sie für Doppelklavier und Harmonium komponiert, wobei er sich sorgte, ob nicht ein anderer sein Werk für Orchester umschreiben und damit den Charakter der Komposition zerstören würde. So schrieb er selbst eine Orchesterfassung, die aber erst nach seinem Tod aufgeführt werden durfte. Das Publikum in der Hohenkreuzkirche erlebte die Petite Messe Solennelle in ihrer Ursprungsfassung, jedoch ohne ein zweites Klavier. Am Flügel brillierte Sabine Layer. Sie agierte gefühlvoll und mit leidenschaftlicher Emotion. Am Harmonium unterstützte sie der Kirchenmusiker Fabian Wöhrle. Er setzte schöne klangliche Akzente, wobei sein Spiel allerdings gelegentlich gegen den Chor kaum ankam und fast ein wenig unterging.

Man müsste das Esslinger Vocalensemble in „Esslinger Vocal- und Konsonantenensemble“ umbenennen, so deutlich artikulierte der Chor. Sauber ausgesprochene Endungen, eine gute Textverständlichkeit vom ersten bis zum letzten Wort und klar akzentuierte Passagen machten den Hörgenuss zum Erlebnis. Schön ausgestaltete dynamische Wendungen, saubere Intonation auch in den Höhenlagen des Soprans und eine gut ausbalancierte Ausgewogenheit in den Registern machten sich wohltuend bemerkbar. Allerdings fehlte es den tiefen Klangkörpern bei den Männern und auch bei den Frauenstimmen am Ende des Konzerts beim Sanctus und beim Agnus Dei in den Pianissimo-Passagen etwas an der Strahlkraft, die sonst durchgängig da war.

Als Solisten faszinierte die Sopranistin Fanie Antonelou mit ihrer strahlend hellen Stimme. Teru Yoshiharas warmer Bass gefiel auf ganzer Linie, obwohl ihm bei den ganz tiefen Passagen gelegentlich der Druck fehlte. Der spontan eingesprungenen Altistin Anne Greiling gebührt Anerkennung. Ihre seelenvolle Altstimme setzte schöne Akzente, und sie fügte sich auch ohne Probe wunderbar in den Gesamtklang ein. Besondere Glanzpunkte setzte allerdings der Tenor Kai Kluge. Seine wandelbare Stimme berührte das Publikum durchgängig und versetzte das Kirchenschiff in schwärmerische Träumerei.

01.10.2019

Peter Eltermann

 

Foto: Roberto Bulgrin

Das Esslinger Vocalensemble bescherte dem Publikum in der Hohenkreuzkirche ein außergewöhnliches musikalisches Erlebnis.