Mystisches Klangerlebnis Morton Feldmann – Rothko Chapel

Mystisches Klangerlebnis – Kritik in der Eßlinger Zeitung vom 05.02.2018

Vocalensemble führt in einem Tonart-Konzert „Rothko Chapel“ in der Stadtkirche auf

Von Rainer Kellmayer

Die extreme Ausdruckskraft von Rothkos Gemälden spiegelt die Musik wider, die der amerikanische Komponist Morton Feldmann 1971 anlässlich der Umwandlung der Kapelle in einen interkonfessionellen Raum schrieb. Das eindrucksvolle Werk erklang am Samstagabend in einer Stunde der Kirchenmusik in der Stadtkirche, eingebunden in das unter dem Motto „America“ stehende Esslinger Tonart-Festival.

Esslingen (red) – Tragik, Ekstase, Untergang, aber auch Ruhe und Kontemplation: Mark Rothkos großformatige Ölbilder sind schwer einzuordnen. 14 seiner am Kunstmarkt in Millionenhöhe gehandelten Bilder sind in einem der ungewöhnlichsten Gotteshäuser, der achteckigen Rothko Chapel in Houston, ausgestellt. Die extreme Ausdruckskraft von Rothkos Gemälden spiegelt auch die Musik wider, die der amerikanische Komponist Morton Feldmann 1971 anlässlich der Umwandlung der Kapelle in einen interkonfessionellen Raum schrieb. Das eindrucksvolle Werk erklang am Samstagabend in einer Stunde der Kirchenmusik in der Stadtkirche, eingebunden in das unter dem Motto „America“ stehende Esslinger Tonart-Festival.

Jens Paulus hatte das Esslinger Vocalensemble gut auf die so anspruchsvolle wie ungewöhnliche Aufgabe vorbereitet: Der Chor sang auf nur einem Laut dissonante, oft clusterhafte Flächen, die den Klang durch Lagen- und Farbwechsel changierten. Das Ganze spielte sich vornehmlich im Pianissimo-Bereich ab, den auch die grundierenden Begleitinstrumente selten verließen. Verschiedene dezente Schlagzeugwirbel und Ostinati (Klaus Dreher), Melodiefragment einer Bratsche (Katharina Friedrich) und sparsame Einwürfe der Celesta (Johannes Zimmermann) verbanden sich mit dem Chor zu irisierenden Klängen, denen die Sopranistin Sigrun Bornträger solistische Töne beifügte. Den Interpreten gelang es, mit Präzision und äußerst sparsam eingesetzten Vibrati den Charakter der Musik stimmig zu übermitteln – dezent sakral angehaucht, ohne jeden Kitsch oder unangebrachtes Pathos: ein beeindruckendes mystisches Klangerlebnis. Zuvor waren neben der a cappella gesungenen Chormotette „Sing, ye praises to our King“ von Aaron Copland die „Variations on America“ von Charles Ives erklungen, ein Geniestreich eines 17-Jährigen, der die Melodie der ehemals amerikanischen, jetzt englischen Nationalhymne durch den Wolf drehte. Tänzerisches, Witziges und Groteskes – nichts ließ Ives aus und schuf damit eine Mischung, die bei aller handwerklichen Meisterschaft deutlich machte, dass Musik durchaus humorig sein darf. Der Flötist Albrecht Imbescheid war den zerrissenen Tonfolgen von Elliot Carters „Scrivo in Vento“ ein ebenso guter Anwalt wie den sonoren Bassflöten-Tönen in „Meditation und Calligraphy“. Gekonnt demonstrierte er Techniken zeitaktueller Querflötenmusik, bewegte sich stilsicher zwischen Tonschmelz, Geräuschattacken, Flageoletts, Multiphonics, Vierteltönen und Glissandi. Ebenso virtuos behandelte Christian Pfeiffer Saiten und Griffbrett seines Violoncellos als er, zusammen mit Johannes Zimmermann, zwei Sätze aus Elliot Carters „Sonata for Violoncello and Piano“ wiedergab.